Wenn Kinder mit scheinbar banalen Aufgaben wie Zähneputzen oder Schuhe anziehen derart überfordert sind, dass sie einen emotionalen Zusammenbruch erleben, denken vermutlich die wenigsten an PDA. Stattdessen muss man nicht lange warten, bis irgendwer Dinge sagt wie „Na, jetzt übertreibt es aber!“ oder „Das könnt ihr dem Kind so nicht durchgehen lassen!“. Viele können nicht zulassen, dass das Kind WIRKLICH überfordert ist, dass genau diese eine kleine Anforderung die eine zu viel war. Deshalb möchte ich euch für genau dieses Thema sensibilisieren, denn es findet bisher noch viel zu wenig Beachtung: PDA, also Pathological Demand Avoidance oder zu deutsch die pathologische Vermeidung von Anforderungen. Es gibt alternative Begriffe zu der Abkürzung, die in meiner Wahrnehmung noch etwas besser passen, dazu kommen wir gleich.

 


Vorher möchte ich euch auf die dazugehörige Podcastfolge aufmerksam machen, in der ich mit Autor und Elternberater Mark Leonard über das Thema PDA spreche. Er ist nicht nur selbst Vater eines sog. PANDA-Kindes, sondern berät Eltern, bei denen PDA den Familienalltag dominiert. Ich durfte mit ihm über seine Arbeit, seine eigenen Erfahrungen und sein neues Buch Mein einzigartiges Pandakind (Link führt zum Shop von Autorenwelt) sprechen. Hört unbedingt rein, es lohnt sich:


 

Was bedeutet PDA?

PDA ist bisher keine eigenständige Diagnose, sondern wird nach aktuellem Stand der Wissenschaft als Profil dem Autismusspektrum zugeordnet. Allerdings bedarf es hier noch weitere Forschung, gerade im deutschsprachigen Raum ist PDA noch viel zu wenig bekannt, d.h. selbst Fachleute wissen nicht ausreichend darüber Bescheid.

Für die Abkürzung PDA gibt es die Langform Pathological Demand Avoidance, was wörtlich übersetzt pathologische Anforderungsvermeidung bedeutet. Oft wird noch eine weitere Langform verwendet, die ich persönlich besser finde: Pervasive Drive for Autonomy, also allgegenwärtiger Drang nach Autonomie. Ich mag die zweite Bezeichnung deshalb etwas lieber, weil sie nicht so defizitär wirkt. Anforderungsvermeidung klingt einfach sehr schnell nach „Das Kind hat halt keinen Bock, aber können täte es schon“. Denn genau das ist der springende Punkt, den wir bei Panda-Kindern, wie Kinder mit PDA auch genannt werden, immer im Kopf behalten müssen: SIE KÖNNEN NICHT. Das, was ein Panda-Kind erlebt, wenn es mit einer Anforderung überfordert ist, ist nichts, was es sich aktiv aussucht. Das passiert mit diesem Kind und es spürt dann vor allem eines: einen massiven Kontrollverlust.

Dieser Kontrollverlust ist existentiell, d.h. er wirkt für das Kind lebensbedrohlich und dabei spielt es keine Rolle, wie wir als Außenstehende die jeweilige Situation einschätzen. Schuhe anziehen mag erst mal kein großer Akt sein. Vielleicht ist es ein bisschen nervig, aber lebensbedrohlich? Nein, das kann doch nicht sein. Das Kind muss doch übertreiben.

Tut es nicht.

 

Wie kann PDA im Familienalltag konkret aussehen?

Der Alltag mit einem Panda-Kind kann für alle Beteiligten unfassbar anstrengend sein, vor allem dann, wenn noch nicht klar ist, dass es sich um PDA handeln könnte. Wie erwähnt, kennen sich auch Fachleute noch nicht umfassend damit aus, was die Diagnose und damit verbundene Unterstützungsangebote entsprechend erschwert. Oder anders: Man kommt schlicht nicht auf diese Idee, was nicht ungewöhnlich ist, wenn sie noch kaum jemand kennt.

Auch für Mark, der in seinem Buch auch einen Einblick in die eigenen Erfahrungen als Vater eines Panda-Kindes gibt, ergaben viele sehr anstrengende Situationen erst im Nachhinein Sinn, als klar war, dass sein Sohn PDA hat.

Wie muss man sich das vorstellen, das Leben mit einem Panda-Kind? Anders und zwar sehr anders als das, was wir gemeinhin als „normal“ bezeichnen würden. Es geht nicht darum, dass nach einer ereignisreichen Woche mit Kindergarten, Sommerfest und Playdates das Kind am Wochenende etwas schlapp ist und der Geburtstag der Oma halt einfach zu viel wird. Das „Zuviel“ fängt schon viel früher an, z.B. bei „Ich putze dir jetzt die Zähne, halt bitte kurz still“. Oder bei „Bitte zieh die Jacke an, wir müssen los“. Oder dabei, dass das Kind merkt, es muss auf die Toilette, und mit dieser Anforderung des eigenen Körpers überfordert ist. Schließlich hat es das jetzt nicht selbst gewählt, sondern es wird ihm vorgegeben. Kontrollverlust.

 

Die 5 Fs

Und was dann passiert, hängt natürlich immer von der jeweiligen Situation bzw. dem Kind ab, aber möglich sind folgende Verhaltensweisen – auch die 5 Fs genannt:

  • Fight – Das Kind kämpft und in seiner Welt bedeutet das, es kämpft ums Überleben. Es schreit, schlägt, tritt und wirft vielleicht mit Gegenständen um sich. Solche Ausbrüche werden auch als Meltdown bezeichnet.
  • Flight – Das Kind flüchtet aus der Situation, entweder in dem es wirklich wegrennt oder versucht, der Anforderung zu entkommen, z.B. durch hinauszögern, ablenken oder auch lügen.
  • Freeze – Das Kind befindet sich in Schockstarre und versteckt sich z.B. hinter den Beinen seiner Mutter oder seines Vaters, wenn es einem anderen Erwachsenen „Hallo“ sagen soll.
  • Fawn – Das Kind passt sich entgegen seines inneren Erlebens maximal an die Anforderungen an und gibt sogar noch mehr als verlangt wird. Dieses Verhalten wird auch als Bambireflex bezeichnet.
  • Flop – Das Kind kollabiert und wirkt vollkommen apathisch. Dieser Zustand ist auch als Shutdown bekannt, hier geht einfach nichts mehr, Notzustand.

Bei diesen Verhaltensweisen handelt es sich um stressbedingte Reaktionsmuster, die wir alle kennen (zumindest Fight, Flight und Freeze). Der Unterschied ist der, dass dieses Verhalten bei Panda-Kindern in Situationen zum Vorschein kommt, wo bei neurotypischen Kindern noch lange alles in Ordnung ist. Das heißt, was ein Panda-Kind als lebensbedrohlich empfindet, ist für andere harmlos und ungefährlich. Und es hilft sehr, sich das immer wieder bewusst zu machen, in welcher Not Kinder mit PDA stecken, v.a. wenn man selbst die Situation ganz anders einschätzt.

 

Womit sind Panda-Familien noch konfrontiert?

Da viele Menschen sich nicht vorstellen können, wie das Leben mit einem Panda-Kind aussehen kann, ernten seine Eltern in der Regel Unverständnis aus dem Umfeld. Im besten Fall. Oft geht es aber auch weiter und es heißt schnell „Ihr übertreibt!“. Panda-Eltern erleben dann, dass ihren Schilderungen nicht geglaubt wird. Leider beschränkt sich das nicht nur auf das private Umfeld, sondern auch im Kontakt mit Fachpersonen wie Ärzt*innen, Therapeut*innen usw. gibt es zweifelnde Blicke. Es folgen Bewertungen wie „Euer Kind tanzt euch auf der Nase rum!“ oder ungefragte Tipps („Ihr müsst einfach konsequenter sein!“). Dabei würde Konsequenz im Sinne von Strenge oder irgendwas durchziehen genau das Gegenteil bezwecken: die Anforderungen werden mehr, der Stresspegel steigt und mit ihm die Wahrscheinlichkeit für einen Meltdown.

Panda-Eltern, denen nicht geglaubt und nicht richtig zugehört wird, fühlen sich schnell einsam, weil es niemanden gibt, der wirklich verstehen kann, was für sie tagtäglich quasi der Normalzustand ist: ein Kind, das sehr intensiv begleitet werden muss, und eigene Bedürfnisse, die infolgedessen in den Hintergrund geraten. Das zehrt und kostet sehr viel Kraft. Dabei bräuchten gerade sie alle erdenkliche Kraft, um ihren Alltag meistern zu können.

 

Was „hilft“ bei PDA?

Das Wort „hilft“ steht absichtlich in Anführungszeichen, weil ich nicht den Eindruck erwecken möchte, dass man nur ein paar gute Strategien braucht, dann flutscht das Leben mit einem Panda-Kind wieder. Gerade diese Kinder, die oft auch hochsensibel sind, spüren ganz deutlich, wenn Erwachsene etwas tun, um etwas bei ihnen zu erreichen. Das riecht nach Manipulation und ganz vielen Anforderungen, d.h. das Anforderungsglas des Kindes läuft in kürzester Zeit über und der innere Erregungspegel steigt.

Ja, es gibt Strategien für das Leben mit einem Panda-Kind. Diese sind allerdings primär dafür gedacht, dass sich das Kind wieder sicher fühlt – und nicht dafür, dass das Kind funktioniert. Jeder Kontrollverlust aktiviert das Sicherheitsbedürfnis und es ist wichtig, dass Erwachsene ihr Verhalten darauf ausrichten.

PANDA-Strategien

Bewährt haben sich folgende 5 Strategien, die als PANDA-Strategien bekannt sind und weshalb Kinder mit PDA auch Panda-Kinder genannt werden:

  1. P = Pick your battles, also wähle weise, welchen Kampf du als Erwachsener wirklich führen willst. Worauf möchtest und musst du bestehen und an welcher Stelle könnt ihr einen anderen Weg gehen?
  2. A = Anxiety Management, also schau, was du tun kannst, um die Kombi aus Angst, Ängstlichkeit und Stress abzubauen. Das ist ganz aktive Co-Regulation und hier braucht jedes Kind etwas anderes (Ruhe, Ablenkung, Konzentration, Fokus…).
  3. N = Negotiation & Collaboration, also geh mit dem Kind auf Augenhöhe (echte Augenhöhe, nicht nur so tun als ob) und schau, wie ihr zu einer gemeinsamen Lösung kommt (nicht die eigene Lösung unterjubeln 😉).
  4. D = Disguise & manage demands, also verschleiere die Anforderung, indem du z.B. deklarative Sprache verwendest. Du fragst dann dein Kind nicht direkt, was es essen möchte, sondern fragst dich selbst laut „Hmmm, was könnten wir heute Abend essen?“. Vielleicht kommt ein Vorschlag.
  5. A = Adaptation, also bleib flexibel, auch wenn die ersten drei Pläne eigentlich schon richtig gut waren. Vielleicht brauchst du noch drei weitere. Und was heute geklappt hat, kann morgen schon wieder ganz anders aussehen.

Radikale Akzeptanz

Womit jede Strategie und jeder Plan steht und fällt, ist die Haltung, mit der Eltern oder andere erwachsene Menschen einem Panda-Kind gegenüber treten. Diese Kinder haben so feine Antennen und spüren sehr deutlich, wo ihr Gegenüber steht. Da braucht es gar nicht viele Worte. Und wenn das, was die Erwachsenen sagen, sich nicht mit dem deckt, was das Panda-Kind wahrnimmt, dann fliegt ihnen das um die Ohren.

Damit sich diese Haltung entwickeln kann, brauchen auch die Eltern im ersten Schritt vor allem eines: Radikale Akzeptanz. Je mehr sie kämpfen, umso mehr entsteht daraus ein Kampf gegen das eigene Kind anstatt mit ihm zusammen. Was so schön klingt, ist in der Realität schwer, denn auch bei den Eltern kommen intensive Gefühle hoch. Elterliche Wut ist in allen Familien ein Thema (Ich habe hierzu vor einiger Zeit bereits einen Artikel geschrieben: Elterliche Wut), in Panda-Familien nochmal mehr. Aber auch Traurigkeit kann hochkommen, wenn man merkt, das Leben mit Kind gestaltet sich so ganz anders, als man sich das vorgestellt hat. Dieses Betrauern ist wichtig und kann helfen, Schritt für Schritt die radikale Akzeptanz zu erlangen, die es im Alltag mit einem Panda-Kind braucht.

 

Gut zu wissen: Not only for PANDAs

Und auch wenn dieser Artikel das Thema PDA bzw. Panda-Kinder behandelt, so ist er doch für alle Eltern geschrieben. Denn der Umgang, den ein Panda-Kind braucht – die Wertschätzung, die Beziehung, die Augenhöhe – ist für alle Kinder und eigentlich auch für alle Erwachsenen absolut wertvoll. Sich an den PANDA-Strategien zu orientieren, kann in jedem Familiensetting absolut hilfreich sein. Denn am Ende verbirgt sich dahinter nichts anderes als eine Haltung, die ein bedürfnisorientiertes Miteinander ermöglicht.

Mark hat das in seinem Buch ganz wunderbar zusammengefasst: „Pandas sind die Klima-Aktivisten unter den Kindern. Die Straßenkleber, Schienenbesetzer und Baumanketter. Sie kämpfen für das Wohl aller – während tief drinnen ihr ganz eigener Überlebenskampf läuft.“ *

 


Zum Abschluss möchte ich dir wie immer eine ganz konkrete Frage mitgeben, die du dir jetzt oder in einer ruhigen Minute beantworten kannst. Heute habe ich folgende Frage für dich:

Was hat sich für dich nach dem Lesen dieses Artikels geändert? Was möchtest du für dich mitnehmen bzw. auch mal ausprobieren?

Vielleicht magst du dir ein paar Gedanken dazu aufschreiben. Ich wünsche dir jedenfalls spannende Erkenntnisse und freue mich, wenn du sie mit mir teilst.

 

Bleibt rosa.
Eure Ramona

 

*Quelle: Leonard, Mark: Mein einzigartiges Pandakind – Kinder im PDA-Autismus-Profil verstehen und den Familienalltag entspannen. Weinheim: Beltz, 2026, S. 91.