„VÄTER-Burnout? Hab ich da richtig gelesen?“, denkst du dir vielleicht gerade. Und ja, du hast richtig gelesen. Ich weiß, dass die meisten von uns beim Thema Burnout nicht an Väter denken. Vielleicht an Männer in Businessanzügen, die grad die Karriereleiter hochklettern und beim ganzen „Höher, schneller, weiter“ plötzlich ins Straucheln geraten. Oder an Frauen, die aufgrund ihrer Mehrfachbelastung durch Familie und Beruf, durch Mental und Emotional Load nicht nur an ihre Grenzen kommen, sondern weit darüber hinausgehen (müssen). Aber wie so oft ist das nicht die komplette Geschichte – in dem Fall zum Thema Burnout -, es gibt noch mehr zu erzählen, ein weiteres Kapitel aufzuschlagen. Und dieses weitere Kapitel möchte ich heute mit euch anschauen: den Väter-Burnout oder: Wenn Papa nicht mehr kann.
Zu diesem Beitrag gibt es auch wieder eine Podcastfolge. Dieses Mal in Form eines Gesprächs mit Veit, der mir seine Geschichte rundum seinen Väter-Burnout erzählt hat. Dieser Beitrag hier ist also die allgemeine Auseinandersetzung mit dem Thema. Wenn du mehr von Veits persönlicher Geschichte erfahren möchtest, empfehle ich dir in die Folge reinzuhören:
Bevor wir einsteigen, eine Anmerkung zur Begriffsverwendung an dieser Stelle: Ich nehme das Wort Väter-Burnout als Bezeichnung für einen Zustand von (emotionaler) Erschöpfung bei Männern, die überwiegend (nicht ausschließlich) durch ihre Vaterrolle hervorgerufen wird. Es handelt sich dabei nicht um eine klinische Diagnose. Als Diagnose kämen mehrere Möglichkeiten in Frage wie zum Beispiel Burnout, Depression oder Posttraumatische Belastungsstörung. Das ist im Einzelfall zu klären und Aufgabe entsprechender Fachleute, die dann auch einen individuellen Behandlungsplan erstellen.
Ich möchte mit diesem Beitrag für das Thema Väter-Burnout sensibilisieren und hoffentlich schon vorher bei dir/euch andocken. Also an dem Punkt, wo es sich schon einige Zeit furchtbar anstrengend anfühlt, aber noch nicht zu der totalen Erschöpfung geführt hat. Solltest du dich angesprochen fühlen oder diesen Beitrag als Impuls empfinden, dass es bei dir doch schon deutlich weiter führt, dann scheu dich nicht, dich mit deinem Hausarzt/deiner Hausärztin in Verbindung zu setzen.
Väter-Burnout: Gibt es das überhaupt?
Die kurze Antwort: JA. Und ich kann mir vorstellen, dass da im ersten Moment Zweifel aufkommen. Vielleicht bist du eine Frau, eine Mutter, die grad selber nicht so recht weiß, wo sie noch im Ansatz Kraft herkriegen soll. Und jetzt stolperst du über diesen Text, findest ihn irritierend oder sogar ein bisschen überzogen. Oder du bist ein Vater und fragst dich im Grunde dasselbe: Haben es die Mütter nicht so viel schwerer? Tragen sie nicht so viel mehr?
Ich bin ganz offen: Ich bin keine Freundin davon, Eltern gegeneinander auszuspielen, indem wir gemeinsam aufrechnen, wer jetzt mehr zu leisten hat. Damit führt die Diskussion in meinen Augen in eine völlig falsche Richtung. Denn egal, wer am Ende „gewinnt“ und mehr leistet, die Botschaft an die andere Person lautet irgendwie immer „Stell dich nicht so an. Du hast gar kein Anrecht darauf, erschöpft zu sein.“. Und das wäre fatal.
Denn: Erschöpfung geht uns alle an. Schauen wir uns deshalb erstmal das Wort Burnout an sich an und was dazu im Psychrembel, einem klinischen Wörterbuch, steht:
„Ein Burnout-Syndrom (engl. (to) burn out: „ausbrennen“) ist ein Zustand ausgesprochener emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit, das als Endzustand einer Entwicklungslinie bezeichnet werden kann, die mit idealistischer Begeisterung beginnt und über frustrierende Erlebnisse zu Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen und Depression oder Aggressivität und einer erhöhten Suchtgefährdung führt.“
Da steht ja erstmal nichts von der jeweiligen Rolle, die man innehat. Und somit kann eine Erschöpfung jeden Menschen treffen, auch Väter. Denn:
- Auch sie können emotional total leer sein.
- Auch sie können feststellen, dass sie sich das mit ihrer Vaterschaft anders im Sinne von leichter vorgestellt haben.
- Auch sie können das Gefühl haben, dass nichts mehr geht.
Und es ist eben nicht immer der Job, der sie so sehr belastet. Der trägt unter Umständen seinen Teil dazu bei, aber auch hier dürfen wir genauer und differenzierter hinschauen.
Um es noch einmal zu betonen: Es geht nicht darum, sich darüber zu streiten, wer jetzt mehr Anrecht auf Erschöpfung hat. Gerade bei Elternpaaren. Burnout ist kein Kuchen, von dem jede*r das größtmögliche Stück haben muss, damit das eigene Gefühl von Erschöpfung valide wird. Wer das Gefühl hat, dass er/sie nicht mehr kann, kann nicht mehr. Und aus dieser Haltung heraus habe ich diesen Beitrag für euch geschrieben.
Wie komme ich dazu, über dieses Thema zu schreiben? Ich möchte, dass es aus dem unsichtbaren Bereich hervor kommt. Wir reden darüber noch viel zu wenig darüber, dabei bin ich bei meinen Recherchen auf Artikel aus 2008 gestoßen, die das Thema aufgreifen. Das ist 17 Jahre her! Und nein, das waren keine Randmedien, sondern Medien, die von einem breiten Publikum viel gelesen werden. Das Müttergenesungswerk, das seit 2013 auch Vater-Kind-Kuren anbietet, hat sich das sicherlich auch nicht aus einer spontanen Laune heraus ausgedacht, sondern weil es einen konkreten Bedarf gibt. Ein konkreter Bedarf in Form von Not. Das deckt sich auch mit meiner Erfahrung aus den Coachings, da immer mehr Väter den Weg zu mir suchen und finden. Weil sie merken, dass es ihnen nicht (mehr) gut geht, dass sie mehr Fragen haben als Antworten, dass sie sich verloren und überfordert fühlen in ihrer Rolle.
Symptome für einen Väter-Burnout
Wie zeigt sich so eine Erschöpfung eigentlich im Alltag eines Vaters? Die Symptome sind vielfältig und auch abhängig, ob und wenn ja, welche Diagnose dahinter steht. Hier eine Auswahl an möglichen Symptomen:
- zunehmend überfordert, v.a. in Konfliktsituationen (Kind/Partnerin)
- leicht reizbar, kurze „Zündschnur“
- müde und ausgelaugt
- gleichzeitig umtriebig und rastlos
- emotional distanziert
- …
Die Anzahl der vorhandenen Symptome sowie ihre Ausprägung ist individuell unterschiedlich. Es kann auch zwischendurch immer wieder mal Phasen oder Tage geben, in denen es besser läuft, d.h. es muss kein kontinuierlicher Zustand sein. Aber wer merkt, dass er immer wieder massiv an seine Grenzen stößt und sich damit zusehends schlechter fühlt, darf gerne genauer hinschauen. So eine Erschöpfung kommt schleichend, in Wellen bis es irgendwann nicht mehr geht.
Gerade die emotionale Distanzierung ist im Familienleben eine Art Brandbeschleuniger, da v.a. Kinder die emotionale Verfügbarkeit ihrer Eltern brauchen. Sie suchen förmlich nach dem Vater, der sich aus den Konflikten immer wieder rauszieht, der, wenn es kritisch wird, in einer Situation die Beziehung abbricht und danach nicht wieder aufgreift. Zum Beispiel, indem er ein klärendes Gespräch sucht.
Aber auch mit der Partnerin spitzt sich die Lage immer weiter zu, denn auch sie reagiert auf diese Distanzierung, indem sie ihren Mann „sucht“. Das kann mit Vorwürfen sein, mit Kritik, mit Anforderungen, einer mal mehr mal weniger ausgesprochenen Erwartungshaltung… Es ist ein teils auch verzweifelter Versuch zu verstehen, wo der eigene Partner steht, wann und wie sie auf ihn zählen kann.
Diese Konstellation führt zu einer steigenden Anzahl von Konflikten und Streitereien , die wiederum die Symptome verstärken können.
Was begünstigt diese Erschöpfung?
Es fehlt in meiner Wahrnehmung an vielen Stellen an Sicherheit.
- Sicherheit über die eigenen Rollen, v.a. die Vaterrolle
- Sicherheit, dass Fehler okay sind
- Sicherheit, dass Gefühle okay sind
Die Vaterrolle hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Denn immer mehr Väter nehmen Elternzeit (wenn auch immer noch viel zu wenig), immer mehr Väter tragen ihre Kinder ganz selbstverständlich, immer mehr Väter wollen eine starke Beziehung zu ihrem Kind aufbauen. Das Problem: Sie haben einfach kein Vorbild dafür, weil sie selber anders aufgewachsen sind. SIE sind es, die möglicherweise gerade die Blaupause erstellen für künftige Generationen. Und das verunsichert.
Väter haben hohe Ansprüche an sich selbst. Was sich früher noch überwiegend auf die berufliche Laufbahn konzentriert hat, erstreckt sich mittlerweile über mehrere Bereiche wie bspw. die Vaterrolle. Die eigene Fehlertoleranz ist nur bedingt vorhanden, weil Fehler vielleicht auf eine Schwäche hinweisen könnten. Und wer schwach ist, kann nicht sicher sein.
Ein weiterer Faktor, der eine wichtige Rolle spielt, ist der fehlende Umgang mit den eigenen Emotionen. Jesper Juul schreibt in seinem Buch MANN & VATER SEIN vom verborgenen emotionalen Leben. Viele Männer haben nicht gelernt wie sie ihre Gefühle begleiten können, verstehen nicht, was sie in bestimmten Situationen brauchen. Ihnen fehlen das Verständnis für die eigenen Bedürfnisse und schlicht die Worte, um all das benennen zu können. Stattdessen haben sie Sätze wie „Du musst stark sein!“ oder „Heul nicht, du bist doch kein Mädchen!“ im Kopf. Sätze, die Spuren hinterlassen. Sätze, die Wege vorgeben. Und plötzlich sollen sie ihre eigenen Kinder dabei begleiten, mit starken Gefühlen wie Wut oder Verzweiflung umzugehen ohne das weiterzugeben, was ihnen vermittelt wurde?
Papa kann nicht mehr. Und jetzt?
Der wichtigste Schritt ist Reden und sich mit seiner Erschöpfung zu zeigen. Wer sich zeigt, wird sichtbar. Und wer sichtbar ist, der findet Unterstützung, Begleitung, Gleichgesinnte. Leider stoßen viele Väter an der Stelle schon auf eine erste große Hürde, denn wer das Bild von sich rumträgt, immer stark sein zu müssen, dem fehlt das nötige Vertrauen, um sich öffnen zu können. Wenn es von Anfang an nicht okay war, die eigenen Gefühle zu zeigen (oder nur bestimmte und zwar die „guten“), wieso sollte es das jetzt plötzlich sein? Und bei wem genau? Was ist mit der Partnerin, die auch grad hart am Straucheln ist? Ist sie diejenige, der man(n) davon erzählen kann?
Ich ermutige jedes Elternpaar dazu, offen miteinander zu sprechen, auch wenn sie es auf dieser tiefen Ebene bisher nicht getan haben. Denn wie ich eingangs beschrieben habe, geht es nicht darum, gegeneinander in einen Wettstreit zu treten, wer jetzt erschöpfter sein darf. Es können zwei Menschen gleichzeitig erschöpft sein. Das muss nicht aufgewogen werden. Ein guter Raum für diese Kommunikation mit der Partnerin/dem Partner ist mein Onlinekurs PARENTS IN CRIME, für den du dich schon mal unverbindlich vormerken kannst.
Vielleicht gibt es im Freundes-/Bekanntenkreis einen Vater, dem es ähnlich zu gehen scheint. Auch hier gibt es die Möglichkeit, das Gespräch zu suchen, Gemeinsamkeiten im Erleben zu finden. Veit hat mir im Podcast erzählt, wie er anfangs auf Unverständnis gestoßen ist, weil die anderen Väter stets das Bild vermittelten, es sei alles ok, bisschen anstrengend, aber das wäre ja überall so. Er hat sich dadurch ziemlich einsam gefühlt, als wäre er der Einzige, dem es so ergeht. Sein Therapeut erzählte ihm, dass er das definitiv nicht ist, da er in seiner Praxis regelmäßig mit Vätern zu tun habe, die ihm ähnliches schildern. Dadurch bestärkt ist er bei einzelnen Vätern in seinem Umfeld hartnäckig geblieben und hat nochmal direkt nachgefragt. Bis ihn irgendwann einer hinter die Fassade blicken ließ.
Apropos Therapie bzw. Coaching: Auch der Weg zu einer Therapeutin/einem Therapeuten oder einer/einem Coach kann eine Möglichkeit sein, an der gefühlt festgefahrenen Situation etwas zu ändern. Dort gibt es vielleicht genau den geschützten und vertrauensvollen Rahmen, den es braucht, um die Erschöpfung erst einmal zu akzeptieren und dann dahinter liegende Themen zu bearbeiten bzw. Strategien für einen guten Umgang zu entwickeln. Welches Setting das passendere ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Vielen Menschen, v.a. Männern fällt es leichter erstmal mit einem Coaching zu starten. Dort kann schon wertvolle Ressourcenarbeit geleistet werden, Glaubenssätze können angeschaut und bearbeitet werden. Immer mit dem Fokus, in den konkreten (kritischen) Alltagssituationen erste spürbare Veränderungen zu ermöglichen.
Zum Abschluss möchte ich dir wie immer eine ganz konkrete Frage mitgeben, die du dir jetzt oder in einer ruhigen Minute beantworten kannst. Heute habe ich folgende Frage für dich:
Was könnte für dich ein erster kleiner Schritt sein, dich sicherer in deiner Vaterrolle zu fühlen?
Vielleicht magst du dir ein paar Gedanken dazu aufschreiben. Ich wünsche dir jedenfalls spannende Erkenntnisse und freue mich, wenn du sie mit mir teilst.
Bleibt rosa.
Eure Ramona